Der Aufbau einer Argumentation I: Auswahl

Viele Vorträge und Reden haben das Ziel, ein Publikum von etwas zu überzeugen (oder es zu einer bestimmten Handlung zu bewegen). Ein Redner muß in einem solchen Vortrag argumentieren: er muß also Argumente vorbringen.

Die Kunst der Argumentation ist schwieriger, als viele es sich vorstellen. Um gut zu argumentieren muß der Redner zunächst gute (und korrekte) Argumente finden, sie klar und verständlich formulieren, und sie schließlich in den größeren Aufbau seiner Redestruktur gekonnt einfügen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer ‘Argumentation’, und meint damit das Zusammenspiel mehrerer verschiedener Argumente, die sich alle auf das gleiche Argumentationsziel richten.

In dieser Serie von drei Artikeln habe ich für Sie eine Reihe von Tips zusammengestellt, die Sie zum Strukturieren von Argumentationen verwenden können. Alle diese Tips haben sich für mich in meiner langjährigen Praxis des Argumentierens bewährt — vom Philosophie-Seminar bis hin zur Konferenz-Präsentation. Ich gehe nicht im Detail auf das Finden und Formulieren ein, sondern gehe davon aus, daß das schon geschehen ist — und daß Sie sich nun die Aufgabe gestellt haben, Ihre Argumente zu einer größeren Struktur zusammenzufügen. Dieser erste Teil beleuchtet die Auswahl von Argumenten; im zweiten Teil geht es dann um die Reihenfolge, und im dritten Teil um das Wiederholen von Argumenten im Zug einer Argumentation.

Die Auswahl von Argumenten

Nehmen Sie sich vor, so viele Argumente wie möglich zu finden: recherchieren und brainstormen Sie, befragen Sie Freunde und Bekannte. Beschränken Sie sich dann aber für einen mündlichen Vortrag auf die zwei oder drei wichtigsten aus diesem Pool. Wählen Sie die Argumente nach Möglichkeit mit Hinblick auf Ihr Publikum aus — Sie sollten Argumente verwenden, die Ihr Publikum versteht und überzeugend finden wird.

Berücksichtigen Sie dabei den Kenntnisstand: wie viel Fachterminologie können Sie voraussetzen, welches Abstraktionsvermögen hat Ihr Publikum? Niemand wird von einem Argument überzeugt sein, das er nicht wirklich versteht. (Es sei denn, Sie setzen auf den fragwürdigen rhetorischen Trick, Ihr Publikum mit komplizierten technischen oder wissenschaftlichen Details zu blenden — in der Hoffnung, daß es Ihnen ohne weiter nachzufragen den ‘Expertenstatus’ zugesteht und Ihre Argumente auf der Basis dieser ‘Autorität’ akzeptiert.)

Beachten Sie dabei, daß Ihr Publikum nicht nur das Ziel Ihrer Argumentation verstehen muß, sondern auch Ihre Voraussetzungen. Hier ein einfaches (zufällig gewähltes) Beispiel:

Wenn Sie sich häufig in geschlossenen Räumen aufhalten und dennoch gerne schadstofffreie und frische Luft atmen möchten, dann sollten Sie Ihre Wohnung […] mit Zimmerpflanzen teilen. Doch nicht mit irgendwelchen Zimmerpflanzen, sondern mit ganz bestimmten Zimmerpflanzen, nämlich mit solchen, die sich auf die Schadstoffabsorption spezialisiert haben […]

Quelle: http://www.zentrum-der-gesundheit.de/luftqualitaet-pflanzen-ia.html

Das Ziel der Argumentation ist hier die Aussage: “Sie sollten Ihre Wohnung mit Zimmerpflanzen teilen.” — und diese Aussage ist einfach zu verstehen. Eine der Voraussetzungen ist jedoch, daß Zimmerpflanzen (zumindest einige), sich “auf Schadstoffabsorption spezialisiert” haben. Wird das Publikum diese Fremdwörter ohne weiteres verstehen? Das kann von Fall zu Fall unterschiedlich sein: ein Hörsaal voller Doktoranden der Chemie sicher, eine Schulklasse mit Elfjährigen wahrscheinlich nicht.

Wenn Sie feststellen, daß ein Argument ungeeignet für ein Publikum ist, haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie können auf das Argument verzichten und ein anderes verwenden; oder Sie können Ihre Voraussetzungen umformulieren und erläutern, so daß sie für das Publikum verständlich (und damit überzeugend) werden. Die Website, von der ich unser Grünpflanzen-Beispiel zitiert habe, ist den letzteren Weg gegangen, und fügt eine Erläuterung hinzu:

[…] mit ganz bestimmten Zimmerpflanzen, nämlich mit solchen, die sich auf die Schadstoffabsorption spezialisiert haben und Ihre Raumluft von giftigen und reizenden Chemikalien befreien können.

Das erhöht die Verständlichkeit ein wenig, und macht das Argument für den Adressatenkreis der Website klarer. Wenn Sie diesen Weg gehen, dann müssen Sie allerdings berücksichtigen, daß solche Erläuterungen Redezeit kosten. 

Planen Sie diese Zeit unbedingt in Ihrem Redekonzept ein. Viele Redner machen sich nur eine grobe Skizze und denken sich dabei: “… und den Punkt zur Schadstoffabsorption erkläre ich dann kurz nebenher.” — und sind dann während ihrer Präsentation überrascht, daß die ‘kurze’ Erklärung sie überproportional viel Redezeit kostet. Wenn Sie Erläuterungen einfügen wollen, die Ihnen klar sind, aber Ihrem Publikum nicht, dann empfiehlt es sich immer, diese Erläuterungen vorher genau auszuformulieren.

Zusammenfassung

Hier also noch einmal meine Empfehlungen zur Auswahl von Argumenten: Beschränken Sie sich auf Ihre zwei bis drei besten Argumente — solche, die Ihrem Publikum klar sind, und die es überzeugen werden. Lassen Sie Argumente fallen, die zu kompliziert oder zu spezialisiert für Ihr Publikum sind; oder investieren Sie Redezeit, um solche Argumente klarzumachen. Planen Sie aber diese Redezeit vorher möglichst genau ein.

Im nächsten Teil der Serie schauen wir uns an, in welcher Reihenfolge Sie Ihre Argumente am effektivsten anordnen können. Bleiben Sie dran!

Über Leif Frenzel

Leif ist der Autor eines kürzlich erschienenen Buchs über Formulierungskunst. Er betreibt eine Website zur Fortgeschrittenen Rhetorik, und ist außerdem ein aktiver Toastmaster in den Karlsruher Clubs (ACS, ALB).

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