Trauerreden im Rahmen des kirchlichen Beerdigungsdienstes

Unter den vielen Redeformen ist die Trauerrede sicher für viele eine ungewohnte, zumindest aus der Sicht des Redenden. Gehört haben Sie vielleicht schon manch eine Trauerrede, sei es im Krankenhaus, in der Kirche, auf dem Friedhof oder bei einem Bestattungsunternehmen. Für mich aber gehört Trauerreden zu halten zu meinem Beruf als Pastoralreferent. Dabei bin ich nicht nur Redner, sondern auch Seelsorger in allen der Trauerrede vorangehenden und nachfolgenden Situationen.

Wichtig bei einer Traueransprache ist, dass vorher ein persönlicher Kontakt zwischen Seelsorger (Redner) und Angehörigen (Adressaten der Rede) zustande kommt. Erst das Gespräch mit den Angehörigen im Vorfeld ermöglicht es, sehr persönliche Aussagen zu einem Lebensverlauf und der dazu passenden Erlösungshoffnung zu machen.

Das Gespräch mit den Angehörigen

Die Aufgabe, ein Trauergespräch zu führen, ist für mich nach wie vor herausfordernd. Es bedarf einer hohen Sensibilität, Aufmerksamkeit, Gelassenheit und einer gewissen Menschenkenntnis. Mir ist das Persönliche eines Lebenswegs, einer Familiengeschichte wichtig. Themen der Vorgespräche mit den Angehörigen sind ihre aktuelle Gefühlslage, die Umstände des Sterbens, die Biografie, Charaktereigenschaften und Lebensthemen des/der Verstorbenen sowie Gestaltungswünsche und Organisation der Trauerfeier. Insgesamt ist es mir wichtig, sehr viel zuzuhören, mich einzufühlen und Verständnis zu zeigen, mir ein plastisches Bild des/der Verstorbenen zu machen (mit Fotos, Erzählungen, Eigenschaften…).

Ich erlebe es als eine Herausforderung, wenn es Konfliktfälle in der Trauerfamilie gab, diese auch in der Ansprache angemessen zur Sprache zu bringen. Wichtig dabei ist mir dann, bereits im Gespräch vorher zu klären, was (und wie) gesagt werden darf. Selbst wenn Angehörige im Gespräch zu deutlichen Worten greifen, was negative Seiten des/der Verstorbenen angeht oder Frust äußern, suche ich immer wieder nach diplomatischen Formulierungen, die die Wahrheit durchblitzen lassen, aber nicht verletzend sind.

Die Trauerrede entwerfen

Interessanterweise lassen sich im Leben vieler Verstorbener ähnliche Motive, Verhaltensweisen, Schicksale sowie Sorgen und Sehnsüchte erkennen.

Insgesamt ist es mir ein Anliegen, die christliche Hoffnung in eine individuelle und persönliche Lebensgeschichte hinein zu buchstabieren. Die kirchliche Trauerrede nimmt immer Bezug auf einen zuvor verlesenen Bibeltext. Bei der Auswahl dieser Schriftstelle lasse ich mich leiten von Gemeinsamkeiten des/der Verstorbenen zu biblischen Figuren oder von einer zu dieser Person und ihrem Lebensweg passenden Erlösungshoffnung. Wiederkehrende Motive bzw. Lebensthemen sind z.B. Vertreibung/Migration. Hier bietet sich das Thema an: „Heimat bei Gott finden“, „eine Wohnung bei Gott haben“, Joh 14,1-6. Oder aufopfernder Einsatz für andere. Hierzu passende Schriftstellen sind: Maria und Marta oder die Weltgerichtsrede (Mt 25). Bei längerem Leiden: Ijob mit der Aussage „Ich weiß, mein Erlöser lebt!“ etc.

Was manchmal schwer fällt, ist, sich wirklich in die anwesende Trauergemeinde hinein zu versetzen. Manchmal können Angehörige selbst vorher nicht abschätzen, wer alles kommt. Oft kommen Zuhörer und Mitfeiernde mit ganz unterschiedlicher kirchlicher Prägung zusammen, so dass wenig an Gebetserfahrung oder –beteiligung, aber auch an Glaubenspraxis vorausgesetzt werden kann. Daher ist mir wichtig, Offenheit auszustrahlen, zu bestimmten Antworten einzuladen und die Mitfeiernden mit kurzen Hinweisen mitzunehmen.

Die Ansprache selbst

Um auf möglichst alle Menschen mit ihrer unterschiedlichen Gottesdiensterfahrung einzugehen, bedarf es einer persönlichen, erfahrungsbezogenen und einfühlsamen Rede, die in Stimmlage, Lautstärke und Geschwindigkeit der ruhigen Stimmung einer Trauerfeier angemessen ist.

Grundsätzlich nehme ich wahr, dass Menschen während einer Trauerfeier sehr sensibel und aufmerksam sind. Sie tragen in diesem dichten Moment des Abschieds und der Trauer sozusagen ihr Herz in der Hand. Sie sind für Gefühle, Symbolik, Deutungen, aber auch für Verletzungen sehr empfänglich. Deswegen ist für mich Sorgfalt in den Fakten, Ausgewogenheit in den Aussagen und Empathie in der gesamten Haltung sehr wichtig. Eine Trauerfeier darf nicht zu einem Ablesen eines Konzeptes verkommen. Es bedarf einer hohen persönlichen Präsenz durch Blickkontakt, durch Begrüßung vor der Feier, Wahrnehmung des Blumenschmuckes als Ausdruck der Verbundenheit und Liebe der Angehörigen während der Ansprache etc. Diesen Zielen kommt eine frei gesprochene Ansprache sicherlich näher als ein Ablesen. Für mich persönlich ist das freie Sprechen noch ein Übungsfeld. Gerade die Balance zwischen rhetorischem Geschick in der freien Formulierung und tiefgehendem Inhalt, klarer Linie und Aufbau ist und bleibt eine Herausforderung, aber auch Übungssache.

Als Redner in einer Trauerfeier wird auch meine eigene Gefühlsebene angesprochen. Die Trauer, die ich erlebe, ist dann nicht bedrückend, wenn ich es schaffe, sie als Ausdruck von Liebe und Dankbarkeit zu verstehen. Diese Wendung der Trauer in Liebe und Dankbarkeit kann ich dadurch unterstützen, dass der/die Verstorbene noch einmal ins Rampenlicht gerückt wird, um ihn/sie dann dem Licht Gottes zu übergeben. Der Predigttyp ist als mystagogisch zu beschreiben: Eine Lebensgeschichte wird als Heilsgeschichte gedeutet: Eine Suche nach Gottes Spuren im Leben des Verstorbenen. Erfahrungen der Angehörigen mit dem Verstorbenen werden aus dem Glauben gedeutet.

Insgesamt erlebe ich den Beerdigungsdienst als eine große Bereicherung. Er fordert mich persönlich existenziell heraus, bringt mich in Situationen, in denen Menschen Beistand und einen Zuhörer brauchen und bietet die Chance, Menschen am Rande von Gemeinde neu mit Glauben in Berührung zu bringen und ihnen zuzusichern, dass Gott auch in ihrem Leben wirken will.

Über Claus Herting

Claus Herting ist seit 2010 als Pastoralreferent tätig. In dieser Funktion steht er regelmäßig vor Gruppen und hält Ansprachen. Seit 2010 hat er hat außerdem die Beauftragung für den kirchlichen Beerdigungsdienst.

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