Geschliffene Sprache und rhetorische Figuren

Warum sie so wertvoll sind, und wie Sie sie in Ihre Redeweise einbauen

Chili-BubbleSo wie eine gute Küche auf Gewürze nicht verzichten könnte, so brauchen wir in der Rhetorik die Kunst der geschliffenen Sprache — ausgefeilte Formulierungen, Redegewandtheit, das ‘gewisse Etwas’, das unsere Rede abrundet und sie für das Publikum zu einem vollendeten Genuß macht.

Ein ganzes Teilgebiet der Rhetorik beschäftigt sich mit solchen sprachlichen Feinheiten.[1] Denn dort gibt es, ähnlich wie bei den Gewürzen:

Eine riesige Auswahl. Von interessanter Wortwahl, über ungewöhnliche Redewendungen, bis hin zu raffinierten Satzkonstrukten.

Feine Unterschiede. Nicht alle Wendungen passen zu allen Gelegenheiten: es ist eine subtile Kunst, diejenigen herauszufinden, die am besten wirken.

Spielraum zum Experimentieren. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, und niemand kennt sie schon alle. Wir können unserer Kreativität freien Lauf lassen.

Machen Sie sich das zunutze — erschließen Sie sich (und Ihren Zuhörern) dieses Gebiet, und verschaffen Sie damit Ihren Reden und Präsentationen die richtige Würze!

Der rhetorische Wert

Redegewandtheit und eine geschliffene Sprache sind kein Selbstzweck. Sie haben auch einen praktischen, rhetorischen Nutzen. Quintilian, eine der größten Autoritäten der römischen Rhetoriktradition, hat das deutlich herausgestellt: Wenn die Menschen im Publikum einem Sprecher gern zuhören, dann sind sie “sowohl aufmerksamer als auch einfacher zu überzeugen; manchmal werden sie durch das Vergnügen gewonnen, manchmal durch die Bewunderung hinweggetragen.” [2] Eine ausgefeilte Sprache fördert unseren Redezweck.

Fingerspitzengefühl

Freilich gilt es, das richtige Maß zu beachten: mit bloßen Redewendungen allein können wir ein Publikum nicht überzeugen — solide Argumente und eine gute Struktur sind immer nötig. Wir dürfen also, vor lauter sprachlichen Feinheiten, die Substanz unserer Rede nicht vernachlässigen.

Ebensowenig sollten wir die Redefertigkeit unseren Vortrag dominieren lassen. Genau wie ein gutes Gewürz sollte sie gerade noch wahrnehmbar sein, sich aber nicht in den Vordergrund drängen. An ausgewählten Stellen kommt sie kurz zum Vorschein, verschafft unseren Zuhörern einen kurzen, genußvollen Moment — und zieht sich dann dezent wieder zurück.

Vorgehen

Deshalb empfehle ich Ihnen die folgende Strategie, um mehr und mehr sprachliche Würze in Ihre Reden zu bringen:

  • Wählen Sie sich eine (!) einfache rhetorische Figur, die Ihnen gefällt.
  • Experimentieren Sie damit, diese Figur gelegentlich in Ihre Redeweise einzuflechten — an Stellen, an denen es Ihnen passend erscheint.
  • Sobald Sie sich mit dieser Figur sicher fühlen, legen Sie sie in Ihrem rhetorischen ‘Werkzeugkasten’ ab, und widmen sich der nächsten.

Auf diese Weise kann es Ihnen nicht passieren, daß Sie es mit den sprachlichen Feinheiten übertreiben: denn Sie konzentrieren sich ja immer nur auf eine einzige (und achten darauf, an welchen Stellen sie paßt und gut wirkt).

Behalten Sie Ihre eigene Praxis im Blick

Sie vermeiden so auch noch eine weitere Falle: viele Internetseiten und Bücher überschwemmen ihre Leser einfach mit griechischen Namen und literarischen Beispielen, die zwar interessant zu lesen, aber für das konkrete Sprechen, für die Praxis als Redner, nicht besonders nützlich sind. Die Folge ist, daß angehende Redner sich von der Fülle des Material ablenken oder sogar einschüchtern lassen — und dann keinen Gewinn für sich selbst daraus ziehen.

Mit der Vorgehensweise, die ich Ihnen vorgeschlagen habe, können Sie sich auf Ihre eigene Praxis fokussieren. Sie konzentrieren sich auf eine Figur, die zu Ihrem persönlichen Stil und Empfinden paßt, und Sie wenden sie in Ihrer eigenen Praxis an.

Erst dann, wenn Sie die Figur beherrschen, gehen Sie zur nächsten über. Schrittweise bauen Sie sich ein Repertoire auf, mit dem Sie sich auch sicher fühlen können. Denn es ist allemal besser, eine kleine Auswahl bereit zu haben, die Sie auch wirklich verwenden, als ein riesiges Regal voller exotisch-interessanter Gewürze, das am Ende unbenutzt bleibt.

[1] In der traditionellen Rhetoriktheorie unter dem Namen der elocutio; heute wird es oft in den Bereich der Stilistik eingeordnet.

[2] Institutio Oratoria VIII.3.

Über Leif Frenzel

Leif ist der Autor eines kürzlich erschienenen Buchs über Formulierungskunst. Er betreibt eine Website zur Fortgeschrittenen Rhetorik, und ist außerdem ein aktiver Toastmaster in den Karlsruher Clubs (ACS, ALB).

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