Der Bodenanker

Wer den Anker auswirft, will, dass etwas hängenbleibt. Die Kunst eines guten Redners ist es, das Aufmerksamkeitslevel seiner Zuhörer so hoch wie möglich zu halten, und das während der ganzen Rede. Boden- oder Raumanker können dabei sehr hilfreich sein.

Dahinter verbirgt sich eine Technik, die ursprünglich aus der systemischen Therapie stammt, im Prinzip simpel ist, aber große Wirkung erzielen kann. Die Theorie ist einfach: In der Beratungs- und Aufstellungsarbeit werden Personen, Zustände und Stimmungen mit Platzhaltern oder Symbolen belegt. Statt dieser Symbole kann eben auch ein Platz im Raum gewählt werden, der damit assoziiert wird. Genau wie in der Beratung, assoziiert auch der Zuhörer/-schauer bestimmte meiner (Stand-)Punkte mit meinem Standpunkt im Raum, wenn ich diesen wiederholt und konsequent einnehme.

Als Redner kann ich mir verschiedene Stellen auf der Bühne (mit Tesa oder ich merke mir bestimmte Stellen im Teppichmuster) markieren. An eine der Stellen trete ich nun immer, wenn ich Wissen vermitteln möchte oder eine Botschaft an das Publikum habe. An eine andere Marke begebe ich mich, um mit den Teilnehmern in Interaktion zu kommen, zu fragen oder zu appellieren. Eine dritte Position nehme ich ein um Geschichten und Erlebnisse zu erzählen wenn ich damit eher die Emotionen ansprechen oder einfach unterhalten will. Nach einer kurzen Zeit nehmen die Zuhörer unbewusst wahr, an welcher Stelle welche Botschaft dran ist. Und so geraten sie in einen eher aufmerksam lernenden, in einen aktiven oder in einen für Emotionen offenen Zustand. Sie sind also aufnahmebereiter für den entsprechenden Teil meiner Rede.

Bodenanker werden auch gerne benutzt, wenn ein Gespräch mit mehreren Beteiligten dargestellt wird. Klassisch ist hier der Schritt zur Seite mit Blick auf die vorherige Position um die Argumente des Gesprächspartners darzustellen.

Ebenso hilft die Technik zum Darstellen von inneren Zwiegesprächen (Engelchen und Teufelchen oder die innere mahnende Stimme). Gerade hier erfordert es Übung und Konzentration. Wichtig ist es die Positionen konsequent durchzuhalten, sonst verwirrt es den Zuschauer mehr, als dass es ihn aufmerksam hält. Der Weg zwischen zwei Punkten ist gut als Pause zu nutzen; der Zuschauer kann sich so auf die neue Position (Botschaft) einstellen.

Da ich im Sitzen rede, ersetze ich das Umherlaufen durch Änderung der Sitzposition, ersetze die Bodenanker durch Änderung des Blickwinkels. Mit Schulter und Kopf kann ich die Bewegung nach vorne oder zurück darstellen, ohne mich vom Fleck zu bewegen.

Wenn ich einen Dialog darstellen will, hat jede Figur eine eigene Körperhaltung (oder -spannung). Ich arbeite mehr mit den Händen, suche mir beispielsweise eine Handhaltung und Position für eine bestimmte Aussage und lasse die Hand so stehen, bis ich diese These zu Ende formuliert habe. Unterstützt wird das, wenn ich die dort stehende Hand betrachte, als wenn sie nicht zu mir gehören würde.

Das Ankern ist also die Kunst, bestimmte Elemente einer Rede mit einem Platz, einer Geste oder einer Haltung zu verbinden und damit den Zuschauer auf dieses Element der Rede zu sensibilisieren. Das Publikum wird Ihrer Botschaft bestimmt noch aufmerksamer lauschen – probieren Sie es aus!

Über Alexander Lang

Alexander Lang ist begeisterter Redner und war Präsident des Karlsruher Redeclubs. Er bringt viel ein aus seiner täglichen Arbeit als systemischer Coach und Trainer, nimmt aber mindestens genausoviel auch wieder mit ins Berufsleben zurück. In den Jahren 2012 und 2014 erreichte er den 1. Platz im Redewettbewerb des District 59.

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