Reden auf Deutsch als Ire

Vor über 100 Jahren sagte der amerikanische Autor Mark Twain: „Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen.“ Ich bin kein Amerikaner und nicht 100 Jahre alt, aber ich kann das Gefühl durchaus nachvollziehen.

Ich komme aus Irland und zog im Jahr 2003 nach Deutschland. Mein Umzug nach Deutschland war zunächst nur für ein paar Jahre vorgesehen, aber ich entwickelte schnell eine Vorliebe für die schönen Dinge im Leben, die Deutschland zu bieten hatte: Bier, Wurst und Sauerkraut. Inzwischen verkam Irland vom keltischen Tiger zum keltischen Car Crash und meine Karriere-Optionen zu Hause schwanden schnell. Bald war klar, dass ich auf Mark Twains Warnung nicht hören durfte, und Deutsch lernen musste, wenn ich weiterhin etwas zum Anziehen im Schrank und Essen auf dem Tisch haben wollte.

Da ich nicht in einem deutschsprachigen Land geboren wurde, hatte ich das Privileg und die Ehre, Deutsch als Fremdsprache lernen zu dürfen. Das war nicht leicht für mich, ganz im Gegenteil: es war sogar schwierig, sehr schwierig. Erst jetzt habe ich verstanden, was Mark Twain meinte.

Anja, eine Freundin, sagte mir, dass mir eine emotionale Verbindung zur Sprache fehle. Also zog ich kurzerhand in Erwägung eine deutsche Frau zu heiraten oder die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen und entschloss mich schließlich für den Kauf von Lederhosen. Sie aber meinte damit, ich solle etwas auf Deutsch ausprobieren, das ich bereits auf Englisch gerne täte, z.B. vor Publikum Reden halten. Hier kann man 7 Minuten lang ohne Unterbrechung sprechen. Unmöglich in Irland. Wie wäre es auf Deutsch eine Rede zu halten? Das war eine beängstigende Idee, aber vielleicht war das genau mein Weg.

Zusätzlich zu meinen paar Jahren Erfahrung mit Public Speaking auf Englisch, besaß ich noch zwei weitere Geheimwaffen: mein schlechtes Deutsch und deutlich niedrigere Erwartungen. Also wurde ich Mitglied eines deutschen Toastmasters-Vereins vor Ort in München. Natürlich bemerkte ich sofort einige Unterschiede zum englischen Toastmasters-Verein bei dem ich bereits Mitglied war. Die wichtigsten waren: die Sprache war anders; ich konnte viel weniger verstehen, und sie haben mich noch viel weniger verstanden.

Am Anfang habe ich mit viel Begeisterung im deutschen Club gesprochen, aber es war hart, sehr hart! Meine schlechte Grammatik und der Mangel an Wortschatz wurden gnadenlos bloß gestellt. Ich rang nach dem richtigen Wort und musste mich mit irgendeinem beliebigen Wort, das mir einfiel, zufrieden geben. Außerdem war mein wunderbarer, musikalischer, irischer Akzent völlig unverständlich für deutsche Ohren. Ich wurde zu einem stolpernden, murmelnden Fiasko reduziert. Was für eine Schande, ein irischer Mann, der nicht sprechen konnte!

Obwohl ich bei jedem Toastmaster-Abend gesprochen habe, war das jedoch noch lange nicht genug. Ich erkannte, dass ich zusätzlich zu den Toastmaster-Treffen an meinem Deutsch arbeiten musste.

Zum Einen fing ich einen wöchentlichen Deutschkurs an, in dem mir meine stets geduldige Lehrerin die Geheimnisse der deutschen Grammatik offenbarte und erklärte. Ich denke, dass die Geheimnisse des Universums einfacher zu erklären sind.

Zum Anderen habe ich eine Tandempartnerin gefunden, die ich wöchentlich zum Kaffeetrinken und Austauschen von Geschichten auf Englisch und Deutsch traf.

Des Weiteren suchte ich Hilfe von einer Logopädin um an meinem Akzent zu feilen. Sie half mir, den Unterschied zwischen dem englischen „r“ und einem deutschen „r“ und zwischen den englischen und deutschen Vokalen zu verstehen. Und auch zu jedem weiteren Buchstaben im Alphabet! Warum wohne ich bloß in der Zweibrückenstraße? Ich träume immer noch davon, eines Tages meine Adresse richtig auf Deutsch aussprechen zu können!

Überraschenderweise haben sich ein paar Dinge, die ich beim Vortragen auf Deutsch gelernt habe, sogar bei meinen Reden auf Englisch als durchaus nützlich erwiesen! Weil mein irischer Akzent so stark war, wenn ich Deutsch sprach, musste ich wirklich langsamer sprechen um ihn zu neutralisieren. Und siehe da: langsamer zu sprechen ist ein großer Vorteil für jeden Redner in jeder Sprache. Aufgrund meiner Spracheinschränkungen in Deutsch, musste ich einfachere Ideen, einen einfacheren Wortschatz und eine bildlichere Sprache verwenden. Es mag unglaublich scheinen, aber dieser einfache und konkretere Ansatz wirkt auch auf Englisch, im Vergleich zu den bisherigen komplexen oder abstrakten Versuchen viel besser.

Die bisherige Reise war lang, voller Höhen und Tiefen. Aber unterwegs gab es einige wichtige Meilensteine. Meine Präsentationen sind effektiver geworden, mein Verhandlungsgeschick hat sich entwickelt und ich habe Prüfungen bestanden und Rede-Wettbewerbe gewonnen. Aber manchmal sind es die kleinen Dinge im Leben, die einem wirklich mehr Zufriedenheit bescheren. Meine Kollegen sagen mir jetzt, dass mein Deutsch nicht mehr so schlampig und faul klingt. Wenn sie wüssten, wie viel Arbeit es kostet, die deutschen Laute halbwegs aussprechen zu können!

Ich kann jetzt mit ihnen beim Mittagessen über die Feinheiten der Weltmeisterschaft in Brasilien diskutieren. Endlich kann ich fast alle Meinungen, Details und Witze verstehen. Manchmal kann ich sogar selber einen Witz erzählen und überraschenderweise lachen sie tatsächlich ab und zu. Langsam fühle ich mich in Deutschland zu Hause.

Und die Reise ist noch lange nicht zu Ende. Vor ein paar Monaten begann ich Stand-Up Comedy in englischer Sprache. Vielleicht werde ich eines Tages mutig genug sein, auch das auf Deutsch zu versuchen! Wie Mark Twain einmal sagte: „Wofür braucht es die Ewigkeit? Sie gibt einigen von uns die Chance, Deutsch zu lernen.“

Über Mel Kelly

Mel Kelly ist mehrfacher Europameister in Rhetorik auf Englisch. Inzwischen hat er auch viel Erfolg in Deutschen Redewettbewerben. Er ist Redner, Moderator, Stand-Up Comedian, und Informatiker-Berater.

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Eine Antwort auf Reden auf Deutsch als Ire

  1. Gratuliere, dein "Schrift Deutsch" ist angenehm zu lesen. Mir hat mal jemand gesagt, wenn Du in der Fremdsprache träumen kannst, dann beherrscht Du diese Fremdsprache.

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