Spannung durch Konflikt: Geschichten konstruieren

Geschichten sind eindrucksvoll, sie bleiben hängen und oft wirken sie noch lange nach. Daher lohnt es sich besonders für uns Redner, Geschichten einzusetzen. Ob ich eine eigene Geschichte entwerfe oder eine bekannte verwende – in jedem Fall muss ich wissen, wie eine Geschichte funktioniert, damit ich sie auch gut erzählen kann.

Die Botschaft

Zunächst einmal muss ich wissen, worauf die Geschichte hinausläuft. Was ist ihre Botschaft? Möchte ich das sagen, passt es zur Botschaft meiner Rede? Auf die Botschaft hin konstruiere ich die Geschichte oder wähle eine passende aus.

Konflikt und Lösung

Typischerweise wird die Botschaft in dem Moment klar, in dem sich ein Konflikt in der Geschichte auflöst. Das ist gleichzeitig der Höhepunkt der Geschichte. Durch den Konlikt und dessen Lösung hat sich etwas verändert und das ist das, was der Zuhörer mitnehmen kann. Der Konflikt ist also eine wichtige Zutat bei der Geschichte, ohne Konflikt ist die Geschichte meist langweilig.

Wichtig ist, dass die Auflösung des Konflikts nachvollziehbar ist. Die Veränderung, die eintritt, darf nicht vom Himmel fallen, sondern muss einen Grund haben, den das Publikum plausibel findet. Dabei geht es nicht nur um logische Abläufe, sondern auch darum, die Entwicklung nachspüren zu können, z.B. sich in die Hauptperson hineinversetzen zu können und ihre Handlungen und Gefühle nachempfinden zu können.

Der Spannungsbogen

Die Handlung macht den Konflikt glaubhaft und nachvollziehbar, bahnt ihn an, spitzt ihn zu und löst ihn schließlich auf. Wie kann dieser Konflikt sinvoll auftreten? Was ist die Vorgeschichte? Wie geraten die Charaktere in den Konflikt? Wie lässt sich der Konflikt bis zum Höhepunkt steigern? Was ist die Lösung? Der Spannungsbogen wird aufgebaut durch diese sich steigernden Konflikte, die im Höhepunkt aufgelöst werden, wie in der Abbildung schematisch gezeigt.

Spannungsbogen: Der Grundkonflikt steigert sich und wird im Höhepunkt aufgelöst.

Ein Beispiel

Als Beispiel möchte ich hier die Geschichte von Jonathan skizzieren, bei der es darum geht, sich von den Erwartungen anderer und vermeintlichen Zwängen frei zu machen, denn: „Man muss gar nichts.“ Der Konflikt soll sich in Jonathans Alltag zeigen und in drei Stufen gesteigert werden.

Jonathan ist auf dem Weg zum Großvater, um ihm Einkäufe zu bringen. Da ruft ihn seine Mutter an, die möchte, dass er auch dafür sorgt, dass der Großvater gut isst. Jonathan tut dies an sich gern, muss dafür aber das Kino mit seiner Freundin absagen. (Konflikt 1) Der Großvater will aber nicht essen und sagt: „Ich muss gar nichts.“ Dabei fällt ihm ein Sonnenstrahl ins Gesicht, der ihn blinzeln lässt. Für den Großvater scheint es einfach zu sein, sich den Erwartungen zu wiedersetzen durch sein Alter und seine laute, wilde Art. (Diese Szene ist später wichtig für die Auflösung.)

Jonathan sagt der Freundin ab. Er bespricht mit ihr den nächsten Tag, an dem er wegen des Betriebsausflugs in einen Klettergarten auch keine Zeit für sie hat. Es wird deutlich, dass er eigentlich nicht mitgehen will, wegen seiner Höhenangst und weil er die Kollegen nicht besonders mag. (Konflikt 2)

Beim Betriebsausflug springen alle nacheinander von einem sehr hohen Pfahl. Ein Kollege ruft noch „Jeder muss mal springen“ von unten, während Jonathan oben mit seiner Höhenangst kämpft. (Konflikt 3) Jonathan fällt ein Sonnenstrahl ins Gesicht, der ihn blinzeln lässt. Der Sonnenstrahl weckt die Erinnerung an den Großvater. Diese ermutigt Jonathan, nicht vom Pfahl zu springen, sondern über die Leiter wieder abzusteigen. Den Kollegen sagt er: „Ich muss gar nichts“. (Auflösung)

Mit einer gut konstruierten Geschichte kann das Publikum sich öfter beschäftigen. Manches versteht man sofort, ein anderes Detail fällt einem erst beim zweiten Hören auf. So werden beim Zuhörer Prozesse angestoßen, die noch lange nachwirken – und Botschaft und Redner bleiben in Erinnerung.

Über Julia von Oertzen

Julia ist Toastmaster seit 2004 und hat seitdem über 40 Reden gehalten. Sie gründete 2007 den Karlsruher Redeclub, aus dem bereits zwei Rhetorik-Europameister hervorgegangen sind. 2013 rief sie diesen Blog ins Leben, um Anleitungen zum Reden halten auf deutsch ins Netz zu bringen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Geschichten, Struktur abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Spannung durch Konflikt: Geschichten konstruieren

  1. Marko Hamel sagt:

    Liebe Julia, 

     

    ein schöner Artikel und ein Beispiel, welches mir wieder ein wenig die Augen geöffnet.  Oft sind es die alltäglichen und kleinen Geschichten, die Menschen in ihren Bann ziehen. Es brauchen gar nicht die großen Konflikte und Themen sein. Danke für den netten Aha-Effekt. Ich baue so ein Muster in meinen nächsten Vortrag bei Toastmasters ein.

     

    Alles Liebe und einen guten Rutsch. Genieße die Zeit.

    Marko

    • Julia von Oertzen sagt:

      Hallo Marko,

      viel Erfolg dabei. Dir auch alles gute für 2014!

      Liebe Grüße nach Heidelberg,

      Julia

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.