Witze inszenieren

Witze mit den Techniken des Geschichtenerzählens ausgestalten

In vielen Toastmasters-Clubs ist einer der kleineren Redebeiträge der ‘Witz des Tages’. Er ist zur Auflockerung und Einstimmung in den Abend gedacht – aber natürlich hat auch der Witz, wie alle Beiträge auf der Agenda, einen vorgegebene Zeitrahmen: 1-2 Minuten. Wie schafft man es, mit einem einzigen Witz mehr als eine Minute zu füllen?

Die Antwort ist einfach, und hat noch den zusätzlichen Vorteil, daß man neben dem Humor eine weitere Redetechnik erproben kann: man erzählt den Witz wie eine Geschichte und inszeniert den Vortrag entsprechend.

Hintergrund

Die meisten Witze funktionieren nach dem gleichen Prinzip: sie locken das Publikum auf eine falsche Fährte und bauen eine Erwartungshaltung auf – und bringen dann zum Schluß eine überraschende, humorvolle Wendung (die Pointe). Je phantasievoller das Publikum anfangs in die Irre geführt wird, desto größer ist der Überraschungseffekt. Und es ist dieser Anfangsteil, der sich wunderbar dafür eignet, als Geschichte ausgestaltet zu werden.

In dem folgenden Video habe ich dies an einem Beispiel demonstriert:

Technik

Viele Techniken aus dem Geschichtenerzählen lassen sich direkt auf Witze anwenden. Mit unterschiedlichen Mitteln kann ein- und derselbe Witz ganz unterschiedlich wirken. Nehmen wir ein Beispiel, und probieren wir einige der häufigsten Techniken daran aus:

Zwei Männer kommen in ein Restaurant. Sie packen Sandwiches aus und beginnen zu essen. Der Kellner sagt, "Sie können hier nicht Ihr eigenes Sandwich essen!" Die Männer zucken mit den Schultern und tauschen ihre Sandwiches.

Wir beginnen mit den äußerlichen Dingen.

Rahmen: Ort, Gegenstände, Wetter

  • Wo befinden sich die Figuren? – In einem Restaurant, auf der Straße, im Büro, …
  • Was für Gegenstände sind da? – Möbel, Pflanzen, Geflügelscheren, …
  • Was für Wetter ist gerade? 
  • Sind Geräusche zu hören, riecht es nach etwas, …?

In unserem Beispiel wird die Pointe nur dann funktionieren, wenn wir bei einem Restaurant als Ort des Geschehens bleiben. Aber niemand hindert uns daran, es frei auszugestalten:

Wir stehen auf einer sonnenüberfluteten Terrasse in den Schweizer Alpen; durch die kalte, klare Luft hat man einen wundervollen Panoramablick, und die Stühle des Restaurants sind eigentlich fast Liegestühle, bequem und neben niedrigen Cocktail-Tischen angeordnet, so daß der kulinarische Genuß und der Augenschmaus miteinander verbunden werden können.

Nun wenden wir uns den Charakteren zu. Wer sind die Personen der Handlung?

Figuren: Namen, Aussehen, Verhalten

  • Verwende häufige Namen (Meier, Fritzchen, …), oder einfach 'ein Mann'
  • Beschreibe Details (ein dicker Mann, eine schöne Frau, …)
  • Beschreibe um zu charakterisieren (ein Mann mit einem seltsamen Haarschnitt, eine Katze mit einem Bart, …)
  • Füge typisches Verhalten ein (ein nervöser Student, eine freundliche alte Frau, …)

Müller und Meier sitzen da, in Wanderstiefeln, und lassen andächtig ihre Blicke schweifen … dann, plötzlich, nehmen sie ihre Rucksäcke zur Hand und packen Butterbrote aus. Der elegante Kellner eilt heran …

Schließlich steigen wir in die Handlung ein.

Handlung: Ereignisse, Verhalten, Dialog

  • Was geschieht? – (plötzlich hält das Auto an, ein lautes Scheppern ertönt …)
  • Was tun die Figuren?
  • Was sagen die Figuren?
  • Wie sagen sie es? (Wortwahl, Stimme, …)

… und stößt atemlos hervor: "Aber … meine Herren! Sie können doch hier nicht Ihr eigenes Sandwich essen!" Müller und Meier stutzen einen Moment und schauen sich an. Dann zucken sie mit den Schultern, tauschen ihre Butterbrote untereinander aus, und essen in aller Ruhe weiter.

Caveat orator

Vorsicht ist nur in einer Hinsicht geboten: die Elemente der Geschichte sollten die Pointe weder verraten noch abschwächen. Die Geschichte muß in jedem Fall im Rückblick, also nachdem der Schlußsatz gefallen ist, immer noch ‘passen’, wenn sie auch nun in einem ganz anderen Licht erscheint.

Ausblick

So verbinden sich die unterschiedlichen rednerischen Mittel zu einem abgerundeten, kurzweiligen, und amüsanten Beitrag; und damit lassen sich sogar in den 1-2 Minuten beim ‘Witz des Tages’ schon eine ganze Menge Techniken ausprobieren – ein ausgewachsenes Redeprojekt ist dazu gar nicht notwendig. Natürlich ist es von hier aus nur noch ein kleiner Schritt, um das ganze zu einer humorvollen Rede auszubauen.

Über Leif Frenzel

Leif ist der Autor eines kürzlich erschienenen Buchs über Formulierungskunst. Er betreibt eine Website zur Rhetorik und Gesprächstechnik, und ist außerdem ein aktiver Toastmaster in den Karlsruher Clubs (ACS, ALB).

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